Auch wenn unsere heutige Botschafterin nicht gerade bekannt für ihren Charme ist, so hat sie doch was Wesentliches beizutragen – mehr, als man auf den ersten Blick (oder Biss) denkt …
Oh, ich wundere mich, dass ihr Menschen mir zuhören wollt. Meistens zuckt ihr zusammen, verzieht das Gesicht, greift nach einer Pinzette ...
Ich weiß schon, wir haben nicht den besten Ruf, und ich erzähle euch gerne, wie das Leben aus meiner Perspektive aussieht.
Ich bin winzig. Wirklich winzig. Und alles um mich herum ist sooo groß. Meist lebe ich ganz still und zurückgezogen, im Schatten, im feuchten Gras, auf einem Blatt, wo mich kaum jemand sieht.
Meine Tage verbringe ich damit zu spüren. Nicht zu jagen, nicht zu hetzen. Nur zu spüren. Ich warte, ganz in mir ruhend, manchmal viele Tage, Wochen, sogar Monate. Ich bin mit der Stille befreundet. Die Bewegungslosigkeit ist mein Lehrer. Ich habe gelernt, dass das Leben nicht darin besteht, mich ständig zu bewegen.
Wenn dann ein Tier vorbeikommt – ein Reh, ein Fuchs, oder ja, manchmal auch ein Hund und sein Mensch – dann erwacht in mir ein Impuls. Es ist wie ein innerer Ruf, eine Welle, die durch meinen kleinen Körper geht. Ich lasse los. Ich lasse mich einfach fallen.
Das ist meine Art, mein Moment. Loslassen. Mein Sprung ins Vertrauen. Ich weiß nicht, wo ich landen werde. Ich weiß nicht, ob ich falle oder fliege. Aber ich sorge mich nicht darum und lasse los.
Oft höre ich dann eure Stimmen: „Wie grauslig!“, „Igitt!“, „Die saugen Blut!“, „Die übertragen Krankheiten!“ ... Und ja, das stimmt zum Teil. Unser Dasein hat Schattenseiten für euch Menschen – und Sonnenseiten für die Vögel, die uns verspeisen … ( ( Frau Zecke bleibt bei diesem Gedanken ganz entspannt; sie scheint sich nicht zu erschrecken ) ) …
Wisst ihr, in der großen Symphonie des Lebens gibt es keine zufälligen Noten. Auch wir kleinen Zecken haben unseren Platz. Wir sind auch ein wichtiger Teil des Ganzen. Wir dienen nicht nur als Nahrung für all die Vögel, wir helfen auch dabei, Populationen zu regulieren, Gleichgewicht zu schaffen.
Unser Wirken ist nicht immer sichtbar oder angenehm, aber es ist nicht sinnlos. Zecken sind kein Fehler der Natur – wie jedes Lebewesen, sind wir ein Ausdruck des Lebens, und geben auch gerne unsere Weisheit weiter.
Wenn ich euch Menschen beobachte, während ihr durch den Wald spaziert, Gedanken und Sorgen im Kopf – dann möchte ich euch manchmal zurufen: Lass los!
So wie ich. Lasst los, was ihr glaubt kontrollieren zu müssen. Lasst los, wo ihr euch festklammert; an Pläne, an Ängste, an Gegenstände, an Menschen, an vergangene Geschichten, …
Das Leben ruft dich – aber du musst springen. Nicht wissen, wo du landest. Einfach vertrauen und den nächsten Schritt wagen. Glaub mir, ich bin die Meisterin des Vertrauens. Ich lasse mich fallen ins Unbekannte. Immer wieder.
Hab den Mut, still zu sein. Hab den Mut, nichts zu tun. Und wenn der Moment kommt – lass los. Du wirst getragen.
Als ich den Text der kleinen Zecke gelesen habe, musste ich erstmal tief durchatmen.
Seit so vielen Jahren höre ich die Botschaften aus der Tierwelt – und doch überraschen sie mich immer wieder aufs Neue. Wie tief sie mich berühren, wie sehr ich mich persönlich angesprochen fühle …
Da spricht dieses winzige Wesen von Vertrauen, vom Fallenlassen, vom Loslassen, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Und wahrscheinlich ist es das auch – in ihrer kleinen Zeckenwelt.
In meiner Welt … fühlt es sich grad ein wenig anders an. Ich stehe am Anfang eines intensiven Loslass-Prozesses. Nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret: Weil sich ein neuer Lebensabschnitt ankündigt, „darf“ ich mich nun von einigen Dingen lösen – von Kleidern, Möbeln, Blumen, von liebgewonnenen Dekostücken, an denen Erinnerungen hängen, und auch von Projekten und Aufgaben, die mir am Herzen liegen, die mich lange begleitet und geprägt haben … und ja, auch von manchen Menschen. Nicht im Herzen – denn dort bleiben wir verbunden – aber in der äußeren Form, im Alltag, in der gewohnten Nähe.
Und ganz ehrlich – das ist gar nicht sooo leicht. Auch wenn ich weiß, dass es Zeit ist, und dass es richtig ist, zieht es mir zwischendurch das Herz zusammen … (Eine wundervolle Gelegenheit, mein Vertrauen weiter zu festigen.)
Loslassen fühlt sich offensichtlich doch nicht immer so mühelos und frei an, wie wir es aus den schlauen Kalender-Sprüchen kennen (und wie auch ich es immer wieder erwähnte). In manchen Momenten ist es … zäh. Und eng. Und voller Zweifel. Was, wenn ich das Falsche loslasse, das ich später doch noch brauche? Was, wenn ich nichts Passenderes finde? Was, wenn ich falle … und niemand ist da?
So nehme ich mir ein Beispiel an Frau Zecke. An ihrem Loslassen. An ihrem tiefen Vertrauen. Ihrem vollständigen Fallenlassen – ohne Netz, ohne doppelten Boden.
Die Zecke springt. Einfach so. Und sie weiß nicht, ob da etwas ist, das sie auffängt. Und sie springt trotzdem. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus dem Gefühl heraus, dass es Zeit ist, das alte Blatt loszulassen und Neues zu entdecken.
Und sie lässt los. Ohne Garantie, aber mit dem tiefen inneren Wissen: „Es wird schon richtig sein.“
Was für eine kraftvolle Botschaft. Gerade auch für uns Menschen, die wir so sehr versuchen, alles zu kontrollieren; alles zu planen, alles abzusichern, alles verstehen zu wollen.
Aber das Leben hier auf Erden … ist kein Puzzle, das man perfekt zu Ende legen kann, bei dem man im Vorhinein genau sieht, welches Teil fix wohin gehört. Unser Leben ist vielmehr ein freier, kreativer Tanz. Manchmal führen wir, manchmal führt es uns, mal stolpern wir, mal stehen wir ganz still – und lauschen der Musik.
Ich lausche wieder und wieder der kleinen Zecke, die sagt: „Ich lasse mich einfach fallen“. Ich höre mit dem Herzen, „höre“ ihre Zuversicht. Und plötzlich kann ich es wieder spüren – dieses tiefe innere Vertrauen, dieser Frieden, der sich überall ausbreitet. Ich lasse mich hineinfallen und spüre: Ja. Genau das ist es!
Loslassen – nicht, weil ich sicher bin, dass alles gut ausgeht, sondern, weil ich vertraue; weil ich die Freiheit dahinter spüre; weil ich weiß: das Leben kann nur weiterfließen, wenn ich aufhöre, mich festzuklammern an dem, was gehen will – oder vielleicht sogar schon längst gegangen ist.
Psychologisch betrachtet halten wir oft an Dingen fest, weil wir hoffen, dass sie uns Sicherheit geben. Beziehungen, Routinen, alte Überzeugungen – selbst wenn sie uns nicht mehr guttun, geben sie uns das Gefühl von Kontrolle. Doch in Wahrheit ist es genau andersrum: Je mehr wir festhalten, desto weniger Raum bleibt für das, was wirklich leben will.
Und so hilft mir diese Inspiration, die die kleine Zecke mir ins Herz gelegt hat: Sie springt nicht, weil sie weiß, wo sie landet. Sie springt, weil sie dem Leben vertraut.
Genau darum geht es doch, das ist Lebendigkeit. Nicht immer zu wissen, was danach kommt. Nicht alles abgesichert haben zu müssen. Sondern einfach zu fühlen: Jetzt ist der Moment. Jetzt ist die Zeit, leicht zu werden, Platz zu machen, für das, was kommen will.
Loslassen ist manchmal traurig, und gleichzeitig auch unglaublich befreiend. Ich spüre das in meinem ganzen System. Mit jedem Gegenstand, den ich fortgebe, wird auch ein Stück innerer Raum frei. Da ist plötzlich mehr Luft. Mehr Leichtigkeit. Mehr Möglichkeiten.
Ach, liebster Leser, ich glaube, wir alle tragen Dinge mit uns, die wir eigentlich längst loslassen könnten. Und manchmal braucht es nur einen kleine Schubs – diesen kleinen Impuls, wie ihn die Zecke spürt, und wie sie auch uns daran erinnert:
Du darfst springen.
Du darfst vertrauen.
Du darfst dich erleichtern.
Ein großes Geschenk, das wir uns selbst machen können, ist nicht, alles im Griff zu haben, sondern die Erlaubnis, uns dem Leben hinzugeben, uns zu erinnern, dass wir nicht allein sind, dass wir Teil von etwas Größerem sind, das uns trägt – auch dann, wenn wir es selbst mal vergessen haben. Gerade dann.
Auf jeden Fall bin ich Frau Zecke sehr sehr dankbar, für ihre sanfte, unbequeme, klare Botschaft, für das Teilen ihres Mutes, sich fallen zu lassen – ohne Garantie, aber mit ganzem Herzen. Es ist immer der richtige Moment!
… Sanft streichle ich noch einmal meinen alten Stoffbären, halte kurz inne beim Ausräumen einer Schublade, höre in mir ein leises: „Weißt du noch …?“ …
Dann atme ich tief durch, lege die Sachen in Dankbarkeit behutsam in den Sack,
und lasse los …
… „fffffff“
Nun frage ich auch dich: Was hältst du noch fest, obwohl du längst spürst, dass es Zeit ist, es gehen zu lassen? Was könnte entstehen, wenn du dich traust, loszulassen?
Vielleicht … Vielleicht ist das, was wir loslassen, gar kein Verlust, sondern ein stilles Ja zu dem, was in uns wachsen will, ein JA zu neuer Freiheit und zugleich eine tiefe Dankbarkeit für alles, was war und sein wird.
Liebste Grüsse, mit all meiner Zuversicht und Freude,
deine Sandra
PS: Falls dich das Thema „Loslassen“ auch im Zusammenhang mit Krankheit und Abschied beschäftigt, könnte dir vielleicht der Artikel „Jenseits der Diagnose“ auf der HerzAugenBlick-Seite gut tun.
Ganz ähnlich wie unsere heutige Botschaft von Frau Zecke erinnert er uns daran, dass das Leben JETZT stattfindet – und dass Liebe uns tragen kann. Auch mitten im Schmerz.
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