~ Purzelbaum ins Leben ~

Langsam erwacht das Jahr aus dem Winterschlaf, es streckt und räkelt sich, beginnt sich wieder mehr zu bewegen, … und auf meine Frage

Wie bleibe ich bei mir selbst, wenn die Strömung um mich herum wieder zunimmt?“,

da meldet sich wieder ein Botschafter aus dem Meer: Das Seepferdchen zeigt uns heute, wie man inmitten der Wellen seinen ganz eigenen Rhythmus behält.

Spürst du das Wiegen? Hier unten gibt es keinen Stillstand, nur ein ewiges Hin und Her. Das Wasser ist wie ein großer Atemzug, der niemals endet.
… ( ( Herr Seepferdchen wird mit dem Seegras bewegt ) ) …
 
Mein ganzer Tag ist ein Schwingen, ein Tanz. Siehst du meine kleinen Flügel?
Ja, das sind Flügel, auch wenn es im Biologiebuch "Flossen" heißt ... Ich weiß, dass ich damit fliegen kann.

Schau, sie bewegen sich so schnell, dass sie fast unsichtbar werden. Das ist mein winziger Motor, mein Kraftpaket, das mich genau hier hält, auch wenn das Meer und die Wellen um mich herum ziehen und schieben. Es sieht vielleicht nach nicht viel aus, aber es ist mein schönster Tanz, pure Lebenslust.
 
Manchmal begegne ich anderen wie mir. Wir nähern uns vorsichtig, fast schüchtern, als müssten wir prüfen, ob der andere echt echt ist
… ( ( Herr Seepferdchen schmunzelt amüsiert über sich selbst und seine Art ) ) …
Dann treiben wir ein Stück nebeneinander her, jeder im eigenen Rhythmus, gemeinsam. Kein Gedränge, kein Überholen. Nur ein gemeinsames Schwingen im Takt der Wellen. Ein stilles Einverständnis, ein Gruß von Seele zu Seele.
Danach trennen sich unsere Wege wieder, lautlos und friedlich.
 
… ( ( Er löst den Griff von seinem Seegrashalm, macht einen kleinen, eleganten Purzelbaum in der Strömung und findet sofort einen neuen Halt ) ) …
 
Ich habe keine Eile. Wo sollte ich auch hin? Alles, was ich brauche, fließt ohnehin an mir vorbei. Ich muss nur wachsam sein, meine Augen rollen lassen und den Moment genießen. Ich bin klein, ja, aber in meinem Tanz bin ich so frei wie der größte Walfisch.

So spricht das Seepferdchen, und ich merke, wie mein Kopf ganz von selbst sanft mitnickt. Nicht weil ich mich damit auskenne und seine Worte bestätigen kann – es ist eher wie ein inneres Mitschwingen. Ich kann mich so gut in sein Leben hineinfühlen, in das Gesagte, und auch in das, was zwischen den Worten liegt.
 
Schau hin. Lausche. Dieses kleine Wesen hat mit seinem Wiegen, seinem Meerestanz, eigentlich schon alles erzählt.
 
Allerdings muss ich gestehen: Ich gehöre zu denen, die im Zolli – also im Zoo von Basel – stundenlang vor den Aquarien steht und die Zeit komplett vergisst – auch bei den Seepferdchen. Da stehe ich dann mit offenem Mund und schaue, und lausche, und staune … Wie graziös. Was für ein Tanz. Welche Anmut.
Und dann diese winzigen Rückenflossen! Das ist für mich keine Biologie, das ist pure Magie. Kleine, unsichtbare Feen- … ähm, Pferdchenflügel, die in irrsinniger Geschwindigkeit vibrieren. Faszinierend. Es sieht nach nichts aus, fast wie ein Stillstand, und doch ist es eine hochfrequente Präsenz. Ein permanentes „Ich-bin-da“.

Sanfte Stärke statt harter Rüstung

Genau dadurch kann das Seepferdchen in all dem Trubel so schön aufrecht bleiben. Wir Menschen würden dafür große Worte benutzen, wie zB. „Resilienz“ und „psychische Widerstandskraft“, und das klingt dann vielleicht mehr wie Durchhalten, oder wie „stark sein müssen“ …

Aber wenn ich Seepferdchen beobachte, spüre ich eine ganz andere Qualität von Stärke; eine viel weichere, stille, wie sorglos, kindliche Form: Sie halten sich einfach fest. Sie suchen sich einen Grashalm, einen kleinen Anker, und lassen die Wellen und den Rest der Welt einfach vorbeiziehen.
 
In der Achtsamkeitsforschung heißt es das „Window of Tolerance“: Dieser innere Bereich, „das Fenster“, in dem wir uns sicher und wohl fühlen, in dem wir lebendig schwingen können. Wenn wir dieses Fenster verlassen, werden wir entweder starr vor Stress oder völlig kopflos.
 
Das Seepferdchen bleibt einfach dort, in seinem Fenster. Es kämpft nicht gegen den Ozean an – wer ist denn schon so verrückt?¿?
Es nutzt das Wasser, um sich tragen zu lassen.

Die Sicherheit der Wehrlosigkeit

Wenn ich dieses kleine Wesen so beobachte, sehe ich die tiefe Wahrheit hinter den Worten aus Ein Kurs in Wundern: „In meiner Wehrlosigkeit liegt meine Sicherheit.“

Wir glauben ja meistens, wir müssten uns schützen, Mauern bauen oder uns im Außen verbiegen, damit wir sicher sind. Doch mit dem Seepferdchen wird dieser Satz plötzlich greifbarer, verständlicher.

Es hat keine Zähne, keine Krallen und absolut keine Eile. Seine ganze Sicherheit liegt in seinem tiefen Vertrauen in den Moment und in seinem kleinen Ankerplatz. Es ist sicher, weil es nicht kämpft.
 
Diese friedliche Haltung prägt auch seine Begegnungen. Da wird nur geprüft, „ob der andere echt echt ist“ 🙂 … Kein Bewerten, kein Neid, kein Vergleichen, wer das schönere Muster hat oder wer schneller schwimmen kann. Es ist ein schlichtes, gemeinsames Schwingen – ein kurzes Stück des Weges zusammen, von Seele zu Seele, und dann ein ebenso lautloses Weiterziehen.

Eine Einladung zum Mitschwingen

Vielleicht ist das die Einladung für heute: Dass wir uns erlauben, die Rüstung ein wenig lockerer zu lassen. Einfach nur im Herzen echt bleiben, mitschwingen und darauf vertrauen, dass uns diese Wahrhaftigkeit schützt, egal wie sehr sich die Strömung im Außen verändert.
 
Stell dir vor, du gehst heute so durch deinen Tag. Nicht mit dem Ellbogen, sondern mit diesem freudvoll vibrierenden „Ich-bin-da“-Gefühl.

HAB-Übung 🔑:

Wenn es heute im Außen mal wieder zieht und schiebt, probiere dieses Experiment: „Der kleine Schweif-Anker“

  1. Atme einmal tief ein und stell dir vor, du hättest wie das Seepferdchen einen unsichtbaren, starken Greifschwanz.
  2. Wickle diesen inneren Schweif ganz fest um etwas, das dir heute Halt gibt – ein schöner Gedanke, das Bild eines lieben Menschen oder einfach das Gefühl deiner Füße auf dem Boden.
  3. Lass deine „inneren Flügel“ vibrieren: Sei ganz präsent, ganz wach, aber lass die Hektik der anderen einfach an dir vorbeifließen.
  4. Spür kurz nach: Du bist hier. Du bist sicher. Du wiegst dich einfach mit der Welt mit, „im großen Atemzug, der niemals endet“.

Ein Purzelbaum ins Vertrauen

Die nächste Zeit werde ich sicher öfter mal an diesen eleganten kleinen mutigen Purzelbaum denken, den das Seepferdchen macht, bevor es sich wieder neu verankert. Vielleicht brauchen wir das alle ab und zu – einen kleinen Übermut, ein kurzes Loslassen, nur um zu merken, dass das Leben uns immer hält.
 
Wenn du magst, komm doch in unsere Facebook-Gruppe und erzähl, wo du heute deinen Anker ausgeworfen hast. Ich freue mich riesig auf unseren Austausch,
auf unser gemeinsames Schwingen.
 
Alles Liebe,
deine Sandra


PS: Wusstest du, dass Seepferdchen wahre Meister der Verwandlung sind? Sie können ihre Farbe an ihre Umgebung anpassen – nicht um sich zu verstellen, sondern um eins mit ihrem Lebensraum zu werden.

Für mich ist das eine wunderschöne Erinnerung: Wir dürfen uns verändern, dürfen in all den Rollen unseres Alltags ganz entspannt mitspielen, tanzen, unsere „Farbe“ ändern, uns an neue Situationen anpassen … während wir mit unserem „Schweif-Anker“ tief verwurzelt bleiben.

Anpassung ist kein Selbstverlust, sondern ein Zeichen von bunter Lebendigkeit. Wir sind und bleiben immer das Licht, das wir im Ursprung sind – ganz egal, in welchem Kleid wir heute durch den Ozean tanzen.



Wenn ein Impuls oder eine Frage in dir auftaucht – beim Lesen, im Alltag, nach der Übung oder einfach so: Die HerzAugenBlick-Facebook-Seite ist ein Raum, der dir jederzeit für einen sanften und ganz zwanglosen Austausch offensteht.

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